RE: Langzeitarchivierung digitaler Daten auf Film

#1 von matthiaspaul , 19.04.2009 12:24

Liebe Mitglieder.

Es ist schon paradox: Digitale Daten lassen sich im Prinzip beliebig oft verlustfrei kopieren, und trotzdem droht nach einhelliger Meinung von Experten seit der Einführung digitaler Speichertechnologien ein "weißer Fleck" in der Geschichte der Menschheit, verursacht durch Datenverluste und die Inkompatibilität von Medien, so daß sich für wichtige Daten nach wie vor - und wieder neu - die Sicherungsverfilmung und Langzeitarchivierung auf Film lohnt. Im Gegensatz zu digitalen Medien können Filme mit vergleichsweise wenig Aufwand über viele Jahrzehnte, ja sogar Jahrhunderte gelagert werden und bleiben dennoch unmittelbar auslesbar, wohingegen man sich bei der digitalen Speicherung in hohe technologische Abhängigkeit begibt und spätestens alle paar Jahre ein Überführen der Daten in neue aktuelle Medien notwendig ist, um auch noch einige Jahre später darauf zugreifen zu können.

Ein paar Artikel zu diesem wichtigen und im "digitalen Zeitalter" stark vernachlässigten Thema:

http://www.photoscala.de/Artikel/Analoge-S...r-Bilderarchive
http://www.photoscala.de/Artikel/Sicherung...-Film-gesichert
http://www.photoscala.de/Artikel/Digital-s...ert-archivieren
http://www.photoscala.de/Artikel/Langzeita...usend-Mikrofilm

Weitere Hinweise auf Archivierungsmöglichkeiten oder Erfahrungsberichte sind hochwillkommen.

Viele Grüße,

Matthias


"All the important human advances that we know of since historical times began
have been due to individuals of whom the majority faced virulent public opposition."
--Bertrand Russell

http://www.mi-fo.de/forum/viewtopic.php?t=13448 (Minolta Forum Thread Index)


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RE: Langzeitarchivierung digitaler Daten auf Film

#2 von hahe , 20.04.2009 14:49

Ich sehe den Sinn von Speicherung auf Film nicht so ganz ein.
Natürlich gibt es die bekannten Probleme mit der digitalen Archivierung von Daten.

Wenn man aber jetzt Daten auf Film ausbelichtet, dann geschieht das ja auch in einem bestimmten Format. Wer sagt denn, dass dieses Format langfristig feststeht? Das dürfte sich fast genau so wandeln wie die digitalen Archivformate.
Dann ist aber nichts gewonnen.

Ich finde, es wäre an der Zeit, dass es für die Datenarchivierung mal endlich verbindliche internationale Normen gibt. Kann ja sein, dass die den technischen Fortschritt etwas behindern, aber die Datenmengen sind heute schon auf einem so hohen Niveau, dass man damit langfristig arbeiten kann. Ob man ein Archiv nun auf Speichermedien in Schuhkartongröße oder in Handygröße unterbringt, ist doch nicht so erheblich.

Irgendwie hat man den Eindruck, dass die EDV-Firmen an einer solchen Lösung nicht interessiert sind - ja klar, die verdienen ja an dem Chaos ...


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RE: Langzeitarchivierung digitaler Daten auf Film

#3 von Frank H. , 20.04.2009 15:11

Hallo,

QUOTE Wenn man aber jetzt Daten auf Film ausbelichtet, dann geschieht das ja auch in einem bestimmten Format. Wer sagt denn, dass dieses Format langfristig feststeht? Das dürfte sich fast genau so wandeln wie die digitalen Archivformate.[/quote]

Microfiche - Wikipedia

Das hat schon "damals" bei Y-Reisen funktioniert, sogar länderübergreifend.

Gruß Frank


"Der Augenblick ist nichts als der wehmütige Punkt zwischen Verlangen und Erinnern."
- Rober Musil -


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RE: Langzeitarchivierung digitaler Daten auf Film

#4 von Mark , 20.04.2009 20:41

ZITAT(hahe @ 2009-04-20, 14:49) Wenn man aber jetzt Daten auf Film ausbelichtet, dann geschieht das ja auch in einem bestimmten Format. Wer sagt denn, dass dieses Format langfristig feststeht? Das dürfte sich fast genau so wandeln wie die digitalen Archivformate.
Dann ist aber nichts gewonnen.[/quote]

Die Monumenta Germaniae, hat eine der grössten Sammlungen deutscher Schriften, sehr alter Schriften. Dort wurde schon vor sehr langer Zeit damit begonnen diese Schriften mit Hilfe von Buchbühnen auf Film zu bannen.
Die ältesten Filme die ich da gesehen habe sind von 1908, auf Kodak Farbmaterial. Das macht runde 100 Jahre.

Diese Filme werden entsprechend gelagert, sodass eine praktisch vernachlässigbare Alterung des Films vorliegt. Sprich die Filme sehen aus als wären sie Gestern aus dem Labor gekommen. Durch den analogen träger kann man sie gegen das Licht halten und sehen was drauf ist, mit einer Lupe kann man die Schriften lesen.
Die technologische Schwelle zur Auswertung ist so gering das sie kaum oder keiner Hilfsmittel bedarf. Sprich es ist selbst nach Auslöschung aller Elektronik sichergestellt das man die Daten auswerten und verwerten kann.

Bei digitaler Lagerung ist zu jedem lagernden Objekt eine sehr hohe technologische Schwelle zu überwinden, es ist Heute schon sehr schwer 5 1/4" Disketten auszuwerten oder besser noch, Magnetbänder (späte Achziger, waren damals ein Knüller).
Zum Speichermedium muss auch immer die Auswertevorrichtung vorgehalten werden und diese instand zu halten ist sehr mühseelig und über Zeiträume von denen Archivare reden kaum zu realisieren. Also besteht ständiger Aufwand das Datenmaterial umzukopieren. Und genau das bedeutet, obwohl das Material ja digital verlustfrei ist, das rein statistisch Daten verloren gehen und über einen langen Zeitraum erhebliche Mengen Daten verloren gehen.

Also habe die meisten grossen Schriftarchive wieder angefangen analog zu archivieren, einfach weil eine Langzeitlagerung erheblich kostengünstiger ist, auch wenn der initiale Aufwand deutlich grösser ist.

Wohlgemerkt, hier geht es nicht um die Bilder von Hobbzfotografen, sondern um die Bewahrung von Kulturgut…

Mark


Der Optimist ist meist genauso im Irrtum wie der Pessimist, aber er ist glücklicher dabei.

Kurt Neff

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RE: Langzeitarchivierung digitaler Daten auf Film

#5 von hahe , 21.04.2009 07:15

Dass man Ausbelichtung von Bildern auf Film relativ lange problemlos archivieren kann, ist klar.
Mir ging es mehr darum, wenn die Daten allgemein zur Archivierung auf Film belichtet werden, denn da wird ja auch digital gespeichert mit den bekannten Problemen.


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RE: Langzeitarchivierung digitaler Daten auf Film

#6 von Mark , 21.04.2009 08:39

ZITAT(hahe @ 2009-04-21, 7:15) Dass man Ausbelichtung von Bildern auf Film relativ lange problemlos archivieren kann, ist klar.
Mir ging es mehr darum, wenn die Daten allgemein zur Archivierung auf Film belichtet werden, denn da wird ja auch digital gespeichert mit den bekannten Problemen.[/quote]
Nicht zwingend, ich gebe dir mal ein Beispiel…

Die meisten Redaktionen der aktuellen Presselandschaft arbeiten voll digital. Sprich bis zu dem Moment wo die Zeitung oder Zeitschrift aus der Maschine kommt, existierte sie nur in Bits und Bytes.
Als logische Konsequenz daraus sind viele Verlage dazu über gegangen eben nicht mehr analog zu archivieren, macht ja (bei initialer Betrachtung) auch wenig Sinn, wo doch nur noch das Produkt analog ist.
Ich kenne das gesamte Thema aus der Zusammenarbeit mit einem der grösseren Verlagshäuser (dessen Name ich aber nicht nennen möchte), dort hat man diesen Schritt sehr drastisch vollzogen.

Das analoge Material ist eingelagert worden, wie üblich in alten Salzstollen und alles Kommende wurde dann digital archiviert mit der Perspektive, Option auch den eingelagerten Bestand in dieses digitale Archiv zu überführen.

Ich meine die Idee hat Charme, den mit dieser digitalen Lösung hat man das Archiv quasi im Sofortzugriff, neben dem reinen Backup können Ausgaben von Zeitungen und Zeitschriften beliebig lang im Zugriff gehalten werden. Freitextsuchen u.ä. machen Recherchen zur waren Freude.

Allerdings schafft so eine Lösung auch ziemlich große Probleme. Die oben erwähnte technologische Schwelle macht eine Beurteilung der Integrität von Daten sehr schwierig, ein eingelagerter Datenträger muss also regelmässig initialisiert und geprüft werden. Dazu müssen die Daten mehrfach, auf verschiedenen Medien eingelagert werden, einfach um Kompatibilitätsürden und MTBF Zeiten verschieden zu getalten. So eine Archivierung erfordert ein richtig aufwendiges Rechenzentrum, in dem einiges an Personal beschäftigt werden muss. Dieser Aufwand steigt auch über längere Zeit, da die Menge an Daten ja stetig grösser wird und die der existierende Datenbestand ja regelmässig gepflegt werden muss.
Analoge Archivierung ist ein bewährtes Verfahren, das eine lange Historie hat und auf Erfolgszahlen verweisen kann, von der digitale Medien nur träumen können. Das phonografische Institut in Berlin sei da mal nur als Beispiel genannt. Eine Archivierung auf Film erfordert im Grunde nur den initialen Aufwand, die "Analogisierung", also die Projektion digitaler Inhalte auf Film. Dieser Film wird dann eingelagert und es entstehen genau die Kosten für diese Einlagerung in einem Salzstollen. Der muss nicht gekühlt, beleuchtet oder beheizt werden, einfach nur mit Kohlendioxid oder Stickstoff fluten und fertig. Dort herrschen 7ºC und 2% Luftfeuchtigkeit…

Die Erfahrung hat die Verlagshäuser darauf gebracht das eine analoge Langzeitlagerung deutlich kosteneffizienter und zuverlässiger ist als die digitale, aso wird ein digitales Archiv vorgehalten und eine analoge Sicherung eingelagert, die im Bedarfsfalle die digitalen Verluste kompensiert.

Was auf deine Vermutung hin bedeutet, bei analoger Archivierung digitaler Daten gibt es keine digitale Sicherung mehr (aus Sicht des Archivars), die weiterhin existierenden digitalen Daten werden im Zugriff genutzt, nicht als Sicherung.

Mark


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RE: Langzeitarchivierung digitaler Daten auf Film

#7 von hahe , 21.04.2009 22:33

Ich glaube nicht so ganz, dass eine Archivierung auf Film eine optimale Lösung wäre. Möglicherweise ist das sinnvoll für eine Übergangszeit.
Es wäre wirklich an der Zeit, dass sich EDV-Firmen, Archive usw. mal an eine sichere und zukunftsträchtige Lösung machen.

Übrigens wird gerade ein wohl besonders sensibles Archiv bereits weitgehend völlig digital abgewickelt - das Grundbuch.


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RE: Langzeitarchivierung digitaler Daten auf Film

#8 von dct , 09.12.2010 15:49

ZITAT(hahe @ 2009-04-21, 21:33) Ich glaube nicht so ganz, dass eine Archivierung auf Film eine optimale Lösung wäre. Möglicherweise ist das sinnvoll für eine Übergangszeit.
Es wäre wirklich an der Zeit, dass sich EDV-Firmen, Archive usw. mal an eine sichere und zukunftsträchtige Lösung machen.

Übrigens wird gerade ein wohl besonders sensibles Archiv bereits weitgehend völlig digital abgewickelt - das Grundbuch.[/quote]

Interessantes Thema!

Die Meinungen hier gehen vermutlich deswegen auseinander, weil beide Fraktionen recht haben. Ich versuche meine Meinung hier zu erläutern.

Beispiel für analog-digitale Objekte:

Ein wichtiger wissenschaftlicher Text, Skizzen Mal weggelassen, ist heutzutage erstmal ein digitales Dokument. Doch ist dies für die Langzeitaufbewahrung nicht notwendigerweise das korrekte Format.

Ein Text kann inhaltlich verlustfrei - von digital nach analog - überführt werden, da sicher der Sinn aus der Folge der Buchstaben, Worte und Sätze ergibt und nicht aus der digitalen Zeichencodierung. Eine Audiospur (=Hörbuch) würde - für den Inhalt eines Belletristikbuches - vollauf reichen um dessen Essenz mit wenig Aufwand zu sichern.

Auch Papier, Film, egal worauf das Dokument gedruckt wurde: Es reicht als Wissensträger und kann ohne große technische Hürden auch nach einer Endzeitsituation gelesen werden (sofern man dieser Sprache noch mächtig ist...)

Wenn es als XML ausgedruckt wird, kann sogar die Formatierung als reiner Text gesichert werden.

Beispiele für digital-analoge Objekte:

Filme und Fotografien: Hier spielen die Bits und Bytes von heutigen digitalen Masterkopien für eine verlustfreie Sicherung eine große Rolle. Auf ein Microfilm (oder andere analoge Medien) kann jedoch nicht nur eine analoge Ansichtskopie der Artefakte gesichert werden. Es ist auch möglich in textcodierter Form die exakten digitalen Inhalte verlustfrei festzuhalten, so daß diese später wieder rekonstruiert werden könnten (wenn die Technologie dafür wieder verfügbar ist). Dann kann man auch an 2D-Barcodierungen denken.

Ähnliches gilt für digitale Datensammlungen. Jeder DB-Inhalt, Tabellen-Inhalt, lässt sich in XML-Codiert textlich exportieren und ist dann in einem Format, welches auf analoge Medien ohne Informationsverlust aufgezeichnet werden kann.

Wünsche einen datenverlustfreien Tag!


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